Der Jardim do Torel ist ein kleiner Park in der Nähe meiner aktuellen Unterkunft, nicht weit entfernt von der Avenida da Liberdade, Lissabons Prachtstraße. Wenn ich etwas Abstand brauche, steige ich den Hügel hinauf und setze mich auf eine der Bänke.
Der Park ist auch nicht so sehr von Touristen überlaufen wie viele andere Orte in Lissabon. Wenn es warm ist, versammeln sich hier Studenten aus aller Welt, um in den Sonnenuntergang zu chillen. Für mich ist das hier aus vielen Gründen ein Kraftort. Wegen des Grüns, der Bäume, der Blumen, der schönen Lage am Hügel. Wegen der Ruhe oben am Springbrunnen. Wegen der prachtvollen Patrizierhäuser in der Umgebung. Weil der Ausblick wirklich schön ist.
Das Besondere aber hier sind die Gedichte und Textauszüge, die auf den 18 Bänken auf der Rückenlehne eingraviert sind. Ja, ich habe sie gezählt – zehn unten im Garten mit dem Ausblick und acht oben beim Springbrunnen. Es hat etwas gedauert, bis ich sie entdeckt habe, weil sie zum Teil schon ziemlich verwittert sind. Aber seitdem haben sie mich nicht mehr losgelassen, weil ich das einfach eine liebenswerte Idee finde. Und auch eine gute Gelegenheit, mich etwas mit ihnen und ihren Autor:innen auseinanderzusetzen.
Die Gedichte handeln im Wesentlichen von Lissabon und der Liebe, oder auch der Liebe zu Lissabon. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Deshalb ist dieses von Anibal Nazaré auch mein Lieblingsgedicht:

Anibal Nazaré
In diesem Lissabon, das ich liebe Spüre ich das Meer an jeder Ecke Dieses Lissabon hat Wellen Im Gang einer Fischverkäuferin
Eine so historische, einladende Stadt, Bescheiden und schön, Schwankt mit den Gezeiten und hat den Tejo zu ihren Füßen, der vor Liebe zu ihr weint
Fernando Pessoa
Alle Liebesbriefe sind Lächerlich Es wären keine Liebesbriefe, wenn sie es nicht wären Lächerlich.
Ah, aber wenn sie es nur erraten könnte, Wenn sie den Blick nur hören könnte, Und wenn ihr ein Blick genügen würde Um zu wissen, dass sie geliebt wird!
Eduardo Damas
Lissabon ja… Lissabon alte Freundin Du bist die, die meinen Traum hütet, meine Hoffnung Du bist die Stadt, das ewige Mädchen Ich bin in dir das ewige Kind
Lissabon ja… Lissabon alte Freundin der Brasileira, die am Rossio lag, Und wo Botto seinen Freunden die schönsten Verse erzählte, die man jemals gehört hat
Ich spielte mit dir auf dem Largo dos Trigueiros Ich machte meine ersten Schritte an deiner Hand Am Nachmittag ging ich zum Terreiro do Paço Ich las die erste Lektion im Heft
João de Deus, das A, E, I, O, U São Nicolau war eine alte Schule In dir bin ich aufgewachsen und nur in dir geht es mir gut Mein Lissabon, Lissabon alte Freundin
Carlos Dias
Lissabon ging von Ort zu Ort Sah einem Stierkampf zu, tanzte, trank Lissabon hörte den Gesang des Fado Es dämmerte schon, als sie einschlief
Ary dos Santos
Meine bittersüße Orange mein Gedicht bestehend aus Juwelen der Sehnsucht mein Kummer schwer und leicht geheim und rein meine Reise zum kurzen, kurzen Augenblick des Wahnsinns.
Die Stadt hat Plätze aus offenen Worten wie Statuen, die abgerissen werden sollen. Die Stadt hat Straßen aus verlassenen Worten wie Gärten, die entwurzelt werden sollen.
Ich weiß, meine erfundene Liebe, dass eines Tages dein Körper vielleicht Ein Feuer entfachen wird aus Sonne und Zorn das uns zum Leben erwecken wird
Florbela Espanca
Ich will lieben, wahnsinnig lieben! Lieben um des Liebens willen, Hier…dort… Mehr Dieses und Jenes, den Anderen und alle zusammen Lieben! Lieben! Und niemanden lieben!
João Monge
Es sind die Verrückten von Lissabon Die uns daran zweifeln lassen Die Erde dreht sich verkehrt herum Und die Flüsse werden im Meer geboren
Carlos Drummond de Andrade
Und unsere Liebe, die der Zeit entsprungen ist, hat kein Alter, denn nur die, die lieben, haben den Ruf der Ewigkeit gehört.
Vinicius de Moraes
Ich werde bei meiner Liebe auf alles achten Zuerst, und mit solchem Eifer, und immer, und so viel Dass selbst im Angesicht der größten Verzauberung meine Gedanken von ihr immer mehr verzaubert werden.
Camões
Liebe ist ein Feuer, das brennt, ohne sichtbar zu sein; Sie ist eine Wunde, die schmerzt, aber nicht spürbar ist; Sie ist eine unzufriedene Zufriedenheit; Sie ist ein Schmerz, der wütet, ohne zu schmerzen.
Autor unbekannt (außer für sie)
Sie sah, dachte, mochte Er tat Sie lächelte und weinte
Wer hat da geschrieben?
Fernando Pessoa (1988-1935) und Luís de Camões (ca. 1524-1580) kann man als die bedeutendsten Schriftsteller Portugals bezeichnen. Pessoa hat viel über Lissabon geschrieben, und seine oft melancholischen Texte und Gedichte finde ich wunderbar tiefgründig und berührend.
Mit Vinicius de Moraes (1913-1980) und Carlos Drummond de Andrade (1902-1980) haben es zwei brasilianische Poeten auf die Bänke geschafft, ebenso die Portugiesin Florbela Estanca (1894-1930) als einzige Frau.
Anibal Nazaré (1908-1975), der Dichter meiner Lieblingsbank, hat vor allem Fadotexte geschrieben.
Und die Übersetzungen: Die Texte habe ich, so gut es ging, selbst ins Deutsche übertragen, daher können sie von „offiziellen“ Versionen abweichen.
